Liebe Freunde und Kunden,

als Reiter und Pferdebesitzer liegen einem die Tiere besonders am Herzen. Man achtet darauf, dass der Sattel passt. Man schaut ob das Equipment in Ordnung ist. Die Haltung und die Ernährung müssen so gut sein, dass das Pferd glücklich und zufrieden ist. Man arbeitet vielleicht sogar an seiner eigenen, reiterlichen Fähigkeit. Aber es gibt ein Thema, über das man nicht gerne spricht. Das Reitergewicht. Bei dem Thema wird geschwiegen, argumentiert, diskutiert und schöngeredet wie sonst nirgendwo in der Reiterwelt.
Der Fachbeirat für Ethik und Tierschutz und die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT e.v.) haben sich unabhängig voneinander mit diesem heiklen Thema befasst. Und das möchte ich euch nicht vorenthalten.


Rund = gesund? 

Im Pferdebereich habe ich es mittlerweile vor allem mit dicken Pferden zu tun. Das ein Pferd ein wenig pummelig ist, ist dabei schon eher der Standard. Wirklich zu dünne Pferde habe ich in diesem Jahr erst 2(!) gesehen. ZWEI! Der Rest war…nunja…normal bis barock und etwa 50 morbid adipöse Pferd. Dabei sind sich die Menschen oft garnicht bewusst wie gefährlich es für das Pferd wird, wenn aus „ein bisschen pummelig“ plötzlich „Adipositas“, also Fettleibigkeit geworden ist. Bei Pferden ist es nämlich so:

In dem Moment wo ein Pferd >10% vom Normgewicht abweicht ist es schlicht fettleibig. Also adipös. Es schleppt in unserem Beispiel dann über 50kg (!) unnötige Fettmasse herum. Denn im Normalgewicht hat es bereits Fettpolster bzw. einen normalen Körperfettanteil. Der liegt je nach Rasse bei ca. 10% mit ein paar rassetypischen Abweichungen. Und diese Fettpolster erfüllen auch ihren Zweck. Aber wenn das Pferd dann plötzlich so viel mehr dabei hat, als es sein muss, dann hat das Effekte.
Um das nochmal mit anderen Worten zu erläutern: Ein normales Pferd hat immer ein bisschen Fett im Körper. Also auch ein sehr schlankes Pferd. Diese 50kg kommen dann EXTRA dazu.

Ab 10% über dem Normalgewicht spricht man von schwerer Fettleibigkeit. Nicht dass wir uns hier falsch verstehen….50kg reine, unnötige Fettmasse. Und zwar zusätzlich zum normalen Körperfettanteil. Was meint ihr wo das Fett ist? Ja, es ist am Rumpf, am Mähnenkamm, an der Kruppe. Es hängt auf den Rippen und es ist IM Rumpf. Das sogenannte Viszeralfett. An und in  der Leber, an der Lunge, am Darm, am Pankreas und so ziemlich überall wo noch Platz im Rumpf war. Mit Betonung auf „war“. Denn das Ross ist nun nicht nur außen prall, sondern auch innen. Atmen kann man damit jedenfalls nicht mehr so besonders gut.
Und alles was darüber hinaus geht ist „morbid adipös“. Der Begriff bedeutet: Das Pferd wird aufgrund seiner allgemeinen Verfettung definitiv vor seiner Zeit sterben. Ja, richtig gelesen. Das Tier stirbt schneller als es müsste. Es trägt nun mindestens 75-125kg (!) überflüssige Fettmasse mit sich herum. Es kriegt kaum noch Luft. Die Hufe, die Beine, das Herz leisten Schwerstarbeit. Die Organe kämpfen längst gegen den Zerfall und die Oxidation. Das Pferd hat vermutlich nun auch EMS oder sogar Insulinresistenz entwickelt. Und dann kommen in der Regel auch die Hufrehen dazu. Den Pferdebesitzern ist diese Gefahr überhaupt nicht bewusst. Oder auch WIE sehr dieses Gewicht das Pferd beeinträchtigt.

Und der Reiter? Wie steht es mit dem Reitergewicht? Auch das Reitergewicht steigt ständig. Wo die meist verkaufte Reithosengröße vor 15 Jahren noch 36/38 bei den Damen war, ist es heute 42. Ja, richtig gelesen. Zweiundvierzig! Und es ist nicht so, dass diese Frauen alle 1,80m Körpergröße hätten. Unsere Gesellschaft wird dicker. Das ist jetzt ja auch nix neues.

Unangenehm, ich weiß. Ich bin nämlich selber adipös gewesen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Fehlernährung, Stress, psychische Belastungen, Bänderrisse, Knochenbrüche, metabolische Erkrankungen…ich hab auch nichts ausgelassen. Und *zack* hatte auch ich leider deutlich >25% meines Idealgewichtes erreicht. Das entspricht auch für deutlich >25% unnötige Fettmasse gemessen am Idealgewicht. Außen auf der Hüfte, am Hintern, an den Beinen – und auch im Rumpf. Genau wie beim Pferd. Man schleppt durchweg 1-2 Futtersäcke mit sich rum. Man kriegt keine Luft. Jede Belastung macht zunehmend weniger Spaß und die Füße tun weh. Das ist doch zum heulen.

Und geritten bin ich dann am Ende auch nicht mehr, weil ich einfach ein schlechtes Gewissen hatte. Zurecht, wie ich finde! Mein Ross muss doch nicht noch zusätzlich zu mir nen großen Sack Fettmasse mit rum schleppen, die sich auch noch unkontrolliert im Sattel bewegt. Egal wie gut man diese Polster an Bauch, Hintern oder Brust verzurrt. Nicht nur bei dicken Pferden schwabbelt alles. Auch bei dicken Menschen. Ich weiß das aus erster Hand. Wirklich! Musste nur beim reiten an mir runter gucken. Und wenn das Ross dann auch noch schwer adipös ist, dann kann es auch keinen Reiter mehr tragen.  Das Märchen vom „Gewichtsträger“ der selber etwas „schwerere Knochen“ hat ist ein schreckliches Märchen für das Pferd. Dicker Reiter+ dickes Pferd passt einfach nicht. Das hat Folgen. Vor allem für das Pferd.

Und dann habe ich mit den Kollegen des Fachbeirates an diesem Papier gearbeitet. Denn wo schwergewichtiges Pferd auf Reiter trifft, oder Reiter auf schwergewichtiges Pferd wird es kompliziert (und doch so einfach). Und noch schwieriger wird es, wenn schwergewichtiger Reiter auf schwergewichtiges Pferd trifft. Und das ist dabei heraus gekommen:

https://www.tierschutz-tvt.de/alle-merkblaetter-und-stellungnahmen/#c282
https://www.vfdnet.de/index.php/ethik/dokumente/10615-positionspapier-vfd-tragkraft-von-pferden

Und beide kommen in Endeffekt zum gleichen Ergebnis. Hier die Hard-Facts:

– mit einem unpassendem Sattel ist jeder Reiter zu schwer
– auch wenn ein guter Reiter manches kg ausgleichen kann (durch gute Reiterei) – Gewicht bleibt Gewicht. Das kann man sich auch nicht schön reden.
– je dicker das Pferd, desto geringer die Traglast
– wiegen Reiter und Equipment >20% des Idealgewichtes des Pferdes, ist die Traglast überschritten. Und auch wenn das Tier keine Abwehr zeigt – die Rechnung kommt am Schluss. Und irgendwann wird Übergewicht tierschutzrelevant. Sowohl beim Pferd als auch beim Reiter wenn er sich drauf setzt.

Das heißt im Klartext: Mit allem Equipment sollte der Reiter nicht viel über 17.5% des Pferdeidealgewichtes kommen. Natürlich werden nun die Unkenrufe kommen dass man ja schwerer sei und das Pferd trotzdem 350 Jahre alt geworden ist. Oder dass das Pferd furchtbar glücklich ist und kein Problem hätte. Und dass man überhaupt schon seit 30 Jahren Pferde hat usw.
Aber nun mal Spaß beiseite: Die Datenlage ist eindeutig. Wiegt das Pferd 550kg Idealgewicht, sollte der Reiter samt Sattel wirklich nicht über 96kg gehen. Das finde ich schon ne Menge Gewicht. Und das ist auch kein Freibrief dafür, dass JEDES Pferd mit 550kg Idealgewicht 96kg tragen KANN. Je weniger desto besser. Das gilt auch für Wanderreiter.

Idealerweise bleibt der Reiter auch eher unter 75kg. Natürlich kommen dann die Seitenaspekte dazu: Langer Rücken, kurzer Rücken, Art des Sattels usw. Aber nichts davon ist m.E. eine Ausrede für „ich arbeite nicht an mir selbst“. Denn so sieht es leider in der Realität aus. Wie ein instinktiver Reflex kommt dann: „Ja aber bei meinem Pferd…“ oder auch „Ja aber bei mir ist das so und so“ oder auch schön „Aber die Amerikaaaaner…:“ Ganz ehrlich: mir ist es Wurscht was „DIE Amerikaner“ machen. Mir reicht zu wissen dass wir HIER ein pferdiges und menschliches Gewichtsproblem haben. Das wird durch „Whataboutism“ nicht besser.

In diesen Diskussionen wird dann das eigene Gewicht behütet wie ein Schatz und jede Anregung auch mal an sich zu arbeiten erzeugt Aggression. Das hat sich schon in der Ankündigung des Newsletters gezeigt oder auch in den Kommentaren als die beiden oben genannten Papers veröffentlicht wurden. Die Dinger waren noch keine 30 Minuten draußen, da gab es schon die ersten Ja-Aber-Kommentare und auch genau die Reaktion der absoluten Ablehnung. Trotzdem bleibt Gewicht nunmal Gewicht und Pferd bleibt Pferd. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach und man kann das ganze wirklich absolut nüchtern und sachlich betrachten:

Stellt man fest, dass man viel zu schwer ist, dann nimmt man ab oder überdenkt ob Reiten wirklich eine gute Wahl ist. Will man abnehmen, dann muss man ein Kaloriendefizit erzeugen, die restlichen Nährstoffe in ausreichender Menge zuführen. Das kann man übrigens auch ohne jegliche Bewegung. Das ist aber nicht unbedingt zu empfehlen. Wobei man als Reiter schon ein bisschen drauf achten sollte, auch einen Ausgleichssport zu machen und sich um die eigene Fitness bemühen. Aber diese ganze Gewichtsreduktionsgeschichte ist enorm emotional für viele Menschen. Dabei könnte man das auch ganz nüchtern betrachten: in Zahlen. 700kcal = 100g Körperfettmasse. Ganz ähnlich wie beim Pferd. Da funktioniert es genau gleich. Und wenn es nicht funktioniert, dann mache ich mir Gedanken zu dem „Warum“. Warum nimmt mein Pferd nicht ab, warum nehme ich nicht ab? Was ist denn da los? Wieso erzeuge ich kein Kaloriendefizit?Was esse ich genau und was ist da drin? Und dann bilde ich mich. Je mehr ich über die Ernährung und Nahrungsmittel weiß, desto besser.
Und ihr werdet sehen: Es ist 1:1 das was ich seit Jahren den Pferdehaltern predige: Macht sichtbar wieviel Energie, Eiweiß etc. im Futter eurer Pferde enthalten ist. Dann füttert ihr nach Bedarf. Bei Menschen ist es dann genau das gleiche: Macht sichtbar was in euren Futtermitteln, äh Nahrungsmitteln enthalten ist und esst nach Bedarf. Bzw. leicht darunter wenn man Gewicht reduzieren will. Fertig. Was man da isst, ist jedem selbst überlassen.

Ich wiege aktuell 15,1% des Pferdeidealgewichtes incl Sattel, Equipment, Kleidung etc.. Mein Reitross hat tatsächlich auch Idealgewicht. Mein Ziel sind 12,5%. Damit bin ich fernab von Untergewicht oder Essgestört, zu dünn oder kantig. Ich werd auch kein Hungerhaken sein. Und ich brauch auch kein Foto von Heidi. Mir ist das egal was die Außenwelt damit anfängt. Mir ist aber nicht egal, was mein Pferd damit anfängt. Damit bin ich einfach wieder im Normalgewicht, fit und belastbar. Genau wie ein gut ernährtes und gut trainiertes, fittes Pferd. Ich fange bei mir an. Und irgendwie ist man das sich selbst und auch dem Pferd schuldig in Form zu sein und immer an sich selbst als erstes zu arbeiten bevor man einen Anspruch ans Ross stellt.

Und ganz ehrlich: Ich finde es erfrischend wenn man in dieser Welt, in der alles nur noch Schnellschnell und Hochglanz sein soll, wo man ohne Wallawalla-Kleidchen-Bilder auf Instagram anscheinend kein echter Reiter mehr ist, sich hinstellt und sagt: „Ok, ich bin zu dick, ich befass mich jetzt mit meiner eigenen Ernährung und Fitness und nehme ab um mein Pferd zu schonen und mich selbst fit und vergnügt zu machen“. Das finde ich viel viel wichtiger als das dreidrölfzigste Foto vom Pferd im Rapsfeld. Man muss das auch nicht medial breit treten. Man muss das einfach nur machen. Man kann dabei sogar Spaß haben.

Eigentlich ganz einfach.

P.S.: Wenn ihr was dazu lesen wollt: Es gibt einen Haufen Bücher. Mit dem hier würde ich anfangen wenn das Ross zu dick ist:

und über dieses hier kann man mal nachdenken und reflektieren.